Die Motive, die im Internet zu sehen sind, zeigen Illustrationen von Kindern, die emotionaler Gewalt ausgesetzt sind, unter anderem durch verletzende Worte. Die Plakate selbst hingegen kommen ohne viele Worte aus. Ein Motiv zeigt, dass Kinder auch unter Gewalt in Partnerschaften leiden, ohne selbst geschlagen zu werden. Die Botschaft hinter der Kampagne: Nicht wegschauen, sondern Hinsehen. In einem mehrwöchigen Prozess hatte das Agenturteam um Creative Director Armin Korf an den Motiven gefeilt. "Diese Kampagne ist eine Herzensangelegenheit für uns", so Korf. "Bei einer so sensiblen Angelegenheit muss alles stimmen."

Modernes Campaigning geht anders - auch und erst recht im gemeinnützigen Bereich

Leider bleibt die Kampagne aber gerade bei einem so wichtigen Thema weit hinter ihrem Potenzial zurück. Der Ansatz, entwürdigende Sätze zu thematisieren, ist gut, doch die Motive emotionalisieren kaum. Durch die Gestaltung im Comic-Stil sind sie außerdem abstrakt gehalten. Das schafft Distanz zum Thema. Die Kampagnenwebseite enthält fast nur Text, das Aufklärungsvideo ist mit über fünf Minuten weit zu lang für die Aufmerksamkeitsspanne der heutigen Internetgeneration und auch nicht wirklich spannend gestaltet. Hinzu kommt wenig mediale Reichweite bei gerade einmal 230 Abonnent:innen, die der Deutsche Kinderschutzbund auf Youtube zählt. Auf Social Media soll der Hashtag #GewaltHatVieleGesichter Verbreitung finden, eine Woche nach Kampagnenstart zählt er auf Instagram aber gerade mal 74 Beiträge - und die meisten davon stammen von den lokalen Niederlassungen des Vereins. Außerdem passt der Hashtag nicht zum Claim auf den Plakaten "Gewalt ist mehr, als du denkst". Das ist alles sehr schade und zeigt, dass die Aktion nicht zu Ende gedacht wurde - oder eben doch nicht so sehr Herzensangelegenheit war.

Wie es anders, um nicht zu sagen besser, geht, zeigt der Deutsche Kinderverein mit einer Kampagne, die ebenfalls anlässlich des Weltkindertages publiziert wurde: Sprüche und Motive, die schockieren und so Aufmerksamkeit generieren. Unterstützung zahlreicher Partner wie Unternehmen, Agenturen und Prominenter auf Social Media - inklusive eines bedrückend dreinblickenden Jürgen Vogel. Dazu eine Spendenaktion durch den Verkauf von T-Shirts - also die Zielgruppe zur Aktion bewegt, statt sie passiv aufzuklären.

Harmlose Sätze, die ein Leben lang entwürdigen

Entwürdigende Maßnahmen schaffen übrigens keinerlei Einsicht bei Kindern, sondern demonstrieren, wer der Stärkere ist, schreibt der DKSB auf der Kampagnenseite. Die Kinder werden verängstigt, verschreckt, beschämt und eingeschüchtert und dies kann zu schwerwiegenden Folgen in der Entwicklung der Kinder führen, genauso als wären sie misshandelt oder sexuell missbraucht worden. Viele Kinder leiden bis ins Erwachsenenalter unter psychischen Belastungen und Beziehungsstörungen. So hat das Universitätsklinikum Ulm in seiner Studie zum elterlichen Erziehungsverhalten aufgezeigt, dass Kinder, die von psychischer Gewalt betroffen waren, häufig Angststörungen oder psychosomatische Störungen ausbilden.


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Autor: Marina Rößer

hat lange in einem Start-Up gearbeitet, selbst eines gegründet und schreibt für W&V derzeit als Digital Nomad von überall aus der Welt. Sie liebt alles Digitale, gestaltet, fotografiert und kocht aber auch gerne.